Ausgabe 04 · Juni 2026 Mahlstrich ·
Mahlstrich Magazin für Kaffee-Handwerk und Brüh-Präzision — Bd. iv —
← Magazin 12. Juni 2026
EXTRAKTION

Drei Mahlgrad-Cluster am V60 — eine TDS-Bilanz

Der Hario V60 verzeiht den Mahlgrad weniger als die Brüh-Anleitung verspricht — drei Cluster, sechs Brühungen, drei TDS-Messungen.

Der Hario V60 ist der meistverwendete Filter-Brüher in der Specialty-Welt, und er gilt als verzeihend. Das ist nur halb richtig. Verzeihend ist er gegenüber Pour-Pattern und Bloom-Timing — gegenüber dem Mahlgrad ist er es nicht. Drei Cluster, sechs Brühungen pro Cluster, drei TDS-Messungen mit einem VST-Refraktometer machen das nüchtern sichtbar.

Versuchs-Aufbau

Bohne: ein kolumbianischer Caturra, washed, helle Röstung, drei Wochen nach Röstdatum. Mühle: Comandante MK4, frisch kalibriert. Wasser: BWT-Bestmax-Premium-Filter, 80 ppm TDS-Eingang. Brüh-Wassertemperatur: 94 Grad. Dosis: 15 Gramm. Brüh-Wasser-Gesamt: 250 Gramm. Verhältnis: 1:16,7.

Pour-Pattern konstant über alle Cluster: Bloom 40 Gramm für 30 Sekunden, dann drei Pulses zu 70 Gramm bei 0:30, 1:15 und 2:00. Total Time anvisiert 3:00.

Drei Cluster auf der Comandante: grob (31 Clicks), mittel (24 Clicks), fein (19 Clicks). Pro Cluster jeweils zwei Brühungen direkt hintereinander, dann eine dritte zur Bestätigung. TDS-Messung 90 Sekunden nach Abschluss, Probe auf Raumtemperatur abgekühlt, zwei Tropfen aufs Refraktometer.

Cluster grob: 31 Clicks

Total Time im Schnitt 2:38. Das Bett läuft schnell ab, der dritte Pulse versickert bereits, während der zweite noch im Filter steht. Visuell: heller Auszug, fast bernsteinfarben in der Tasse.

TDS-Messungen: 1,21 / 1,18 / 1,24 Prozent. Extraktions-Yield (TDS × Brüh-Wasser-im-Glas / Dosis): 18,2 / 17,7 / 18,6 Prozent.

Sensorik: deutlich underextracted. Eine flache, säurelastige Tasse mit grünen Apfel-Tönen, fast pflanzlich. Die für den Caturra typische Schoko-Süße kommt nicht durch. Im Abgang dünn, kein Body, schnelles Verschwinden im Gaumen. Klassisches Sour-Profil.

Cluster mittel: 24 Clicks

Total Time im Schnitt 3:02. Das Bett läuft kontrolliert, jeder Pulse verzieht in etwa 25 bis 30 Sekunden. Visuell: tiefes Bernstein, klare Klarheit am Tassenrand.

TDS-Messungen: 1,41 / 1,43 / 1,40 Prozent. Extraktions-Yield: 21,2 / 21,5 / 21,0 Prozent.

Sensorik: Sweet Spot. Roter Apfel, Karamell, dunkle Schokolade, lange Süße im Abgang. Säure präsent, aber gerundet. Body mittel, mit einer leichten Tee-Anmutung. Das Aromaprofil bleibt über zwei Minuten Trinkzeit stabil — ein Zeichen für gut balancierte Extraktion.

Cluster fein: 19 Clicks

Total Time im Schnitt 4:11. Das Bett läuft spürbar langsamer, der vierte Pulse ist schwierig zu setzen, weil die vorherigen noch stehen. Channeling-Risiko erhöht, wir haben es einmal beobachtet (Brühung zwei) und die Werte trotzdem aufgenommen, mit Anmerkung. Visuell: dunkles Bernstein, trübe Mid-Section in der Tasse.

TDS-Messungen: 1,58 / 1,61 / 1,56 Prozent. Extraktions-Yield: 23,7 / 24,2 / 23,4 Prozent.

Sensorik: overextracted. Bitterkeit dominiert, der Abgang ist trocken (Adstringenz, Tannin-artig), die Karamell-Süße aus dem mittleren Cluster ist in eine dunkle, fast karbonisierte Note gekippt. Im Glas wirkt der Auszug schwerer, im Mund leerer. Das Aromaprofil bricht nach 90 Sekunden Trinkzeit auseinander.

Was die Zahlen zeigen

Zwischen Cluster grob und fein liegen zwölf Clicks an der Comandante MK4 — und 5,5 Prozentpunkte Extraktions-Yield. Das ist eine Spanne, die in Sensorik-Begriffen den Unterschied zwischen ungenießbar sauer und ungenießbar bitter markiert. Der mittlere Cluster ist nicht zufällig in der Mitte; er ist der Punkt, an dem alle drei Parameter — Wasser-Bohne-Kontaktzeit, Bett-Permeabilität, Auszugsmenge — zusammenpassen.

Das wirkt trivial, ist es aber nicht. Der V60-Mythos behauptet, die Brüh-Methode sei nachsichtig: Bloom, drei Pulses, Total Time um drei Minuten, fertig. Stimmt — solange der Mahlgrad sitzt. Sitzt er nicht, ist die Methode brutal ehrlich, weil das Papier-Filter-System keinen Body puffert, der schlechte Extraktion verstecken könnte.

Praxis: woher fängt man an

Comandante 24 Clicks ist für die meisten hellen Filter-Bohnen ein vernünftiger Startpunkt. Von dort kalibriert man pro Bohne in Ein-Click-Schritten. Säurelastig und dünn? Einen Click feiner. Bitter und trocken? Einen Click gröber. Die Anpassung ist kleiner, als die meisten Anleitungen suggerieren — ein Click an der Comandante entspricht ungefähr 25 bis 30 Mikrometern Verschiebung der mittleren Partikelgröße.

Wer einen EK43 nutzt: 9,5 bis 10,5 auf der Skala für V60 ist der vergleichbare Bereich. Wer eine Timemore C2 nutzt: 22 Clicks, mit der Anmerkung, dass die C2 mehr Feinanteile produziert und der Spielraum kleiner ist.

Der Mahlgrad ist der präziseste Hebel im Filter-Brühen. Präziser als die Wasser-Temperatur, die zwischen 90 und 96 Grad relativ wenig verändert. Präziser als das Pour-Pattern, das bei kompetenter Ausführung nur Feinheiten verschiebt. Und präziser als die Brüh-Zeit, die ohnehin Folge des Mahlgrads ist, nicht Ursache.

Wer den eigenen V60 nicht im Griff hat, dreht erst am Mahlgrad — und an nichts anderem, bis der Auszug sitzt.


Ressort: Extraktion